Tradition, Spaziergang, Berufe und Früchte

Mai 2026

01
Dieser Monat wird in Portugal traditionell mit Figuren begrüßt: Lebensgroße Stoffpuppen sitzen am Straßenrand, zumeist zu mehreren und eine Szene darstellend, gelegentlich mit Utensilien wie Fahrrädern oder einem gedeckten Tisch. Man findet diese sogenannten ‘Maios’ (die Frauenfiguren werden auch als ‘Maias’ bezeichnet) auch vor Häusern oder an Eingängen zu Institutionen; einige sind echte Kunstwerke. Die Puppen werden in Handarbeit hergestellt und bei Sonnenaufgang platziert. Ihr Ursprung ist unklar. Einige Quellen meinen, die Menschen hätten einst mit den in idealisierter Gestalt gebastelten Puppen in den Mai getanzt, um den Frühling zu begrüßen. In der Algarve stellen die Figuren gelegentlich auch politische und soziale Kritik dar. In der Region sind sie zumeist rund um Olhão sowie im Hinterland der Ost-Algarve zwischen Alte bis Estoi zu sehen, vor allem aber entlang der Nationalstraße EN125 zwischen Olhão und Fuseta.
02
Unser Ausflugstipp leitet Sie in diesem Monat in die architektonische Historie der Region, zum Palast der kleinen Gemeinde Estoi unweit von Faro, einem herausragenden Beispiel für die portugiesische Architektur des 19. Jahrhunderts. Das romantische Schmuckstück verbindet Neoklassizismus und Neo-Rokoko. Der eklektisch gestaltete Palast, dessen Bau um 1845 begonnen hat, wurde erst sechzig Jahre später durch den Grafen von Estoi vollendet. Was einst ein privater Wohnsitz mit einem verwunschen wirkenden Garten war, ist heute ein Hotel, das den historischen Charakter des Gebäudes bewahrt hat. Die rosafarbene Fassade und die prachtvolle Doppeltreppe sind prägende Elemente des ‘Palácio de Estoi’. Die für Besucher geöffneten Gärten des Palastes sind im Stil der französischen Landschafts-Architektur gestaltet und auf drei Ebenen angelegt, die durch von Azulejo-Tafeln flankierte Treppen miteinander verbunden und durch Orangen- und Zitronenhaine, Palmen, Brunnen ergänzt werden, dazu Skulpturen, eine davon ist Kaiser Wilhelm gewidmet. Auch die Gemeinde Estoi selbst ist ein lohnenswerter Ort für einen Spaziergang.
03
Der letzte Tag dieses Monats ist den Fischern gewidmet. Der 31.5. ist “Dia Nacional do Pescador” und würdigt einen Beruf, der einst das Land ernährte und auch heute noch wichtig für Portugal ist. Als die Fischer weder Fangquoten kannten, noch Größenvorgaben und Regeln zum Beifang, schien die Welt auf See noch in Ordnung. Möglichst viel Fisch an der Mole zu entladen – nur das zählte. Vor der Küste der Algarve waren Sardinen und Thunfisch besonders üppig vertreten. Sobald der Mai nahte und die Wassertemperatur über 14 Grad stieg, ging es aufs Meer, wo kreisende Möwen und quirlendes Wasser Fisch-Schwärme anzeigten. Die Fangvorrichtungen, vor allem die Netze, wurden von den Fischern und ihren Familien selbst hergestellt und ausgebessert; die Arbeit ging weit über den eigentlichen Fischfang hinaus und sicherte die Beschäftigung für alle Angehörigen einer Familie. Das Salär richtete sich allein nach der Fangmenge, die die Fischer an Land brachten. Bereits im 18. Jahrhundert hatte der Marquês de Pombal, Wiedererbauer Lissabons nach dem Erdbeben von 1755, die ‘Companhia Pescarias do Algarve’ (CPA), gegründet. Ihr Zweck war die Systematisierung des Fischfangs. Die prosperierende Region zog mit der Fischerei und später auch mit der Fischkonserven-Industrie Unternehmer selbst aus Spanien, Italien und Griechenland an, die sich hier wirtschaftlich betätigten. Mit der Überfischung der Küste und dem beginnenden Tourismus verlor der Fischfang seit den 1970er Jahren seine Bedeutung.
04
Landwirte möchten die Drachenfrucht in der Algarve anbauen. Die in ihrer mittelamerikanischen Heimat als Pitaya bekannte Kakteenfrucht besitzt Eigenschaften, die sie für den Anbau attraktiv machen: Sie benötigt weniger Wasser als heimische Orangen oder Avocados, deren Plantagen in den vergangenen Jahren stark ausgeweitet wurden. Zudem ist die Pitaya-Zucht weniger aufwendig. Die süße, gesunde Frucht bevorzugt Temperaturen zwischen 18°C und 26°C und verträgt keinen Frost, was die Algarve zum idealen Anbaugebiet macht. Tatsächlich wächst der Exot schon lange in der Region, wurde aber bisher nicht systematisch angebaut. Achten Sie beim nächsten Marktbummel mal auf die Frucht mit der leuchtend rosa Schale und dem gesprenkelten Fruchtfleisch, die nun zu den Angeboten aus regionalem Anbau zählt und keine Reise um den halben Globus nachen muss, um zum Verbraucher zu gelangen.